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Das Leben geniessen!


Endlich kommt die lang ersehnte Ferienzeit. Wieder einmal den Kopf lüften, die Batterien aufladen, einfach sein, ohne leisten zu müssen: keine Prüfungen, keine Kontrollarbeiten, kein Leistungsdruck, kein Stress… das Leben geniessen!


Für mich hat die Ferienzeit und die Ferien selbst etwas mit der landläufigen Vorstellung vom Paradies zu tun: einfach das Leben geniessen! Das Leben in Fülle, aber ohne dafür zur Kasse gebeten zu werden, ohne teuren Kraftstoff, Flüge oder Hotels. Aber wir wissen, es ist zu schön um wahr zu sein! Oder doch nicht?


In dieser Ferienausgabe unserer Newsletter möchte ich Sie einladen, darüber nachzudenken, was uns da verloren geht, wenn es uns schwer fällt zu glauben, dass es doch ein Paradies gibt: nicht als Vertröstung ins Jenseits, sondern als ein mehr an Leben.


Alle Menschen – egal welcher Religion oder Konfession – machen die Erfahrung, dass unser irdisches Sein begrenzt ist: wir erleben, dass unsere Grosseltern, später auch Eltern und dann irgendwann auch wir selbst sterben. Automatisch stellt sich die Frage, was danach passiert. Oft verdrängen viele Menschen diese Frage, weil sie ihnen Angst macht. Muss sie aber nicht: unser christlicher Glaube – und viele andere Religionen oder Konfessionen ebenfalls – lehren uns, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.


Paradoxerweise blenden zunehmend mehr Menschen diese Dimension des Seins aus und begrenzen unser Leben bis zum biologischen Tod, von dem sie Angst haben. Unmerklich, fast schleichend, etabliert sich diese Meinung, dass es nach dem Tod nichts mehr gibt (auch statistisch belegt, Sie können es googeln J) ohne aber darüber wirklich reden oder diskutieren zu wollen. Gut, es kann sein, dass das stimmt, aber mindestens genauso wahrscheinlich ist die Möglichkeit, dass es doch – wie auch immer – weiter geht. Für beide Meinungen gibt es keinen definitiven Beweis.


Dennoch neigen, wie gesagt, immer mehr „moderne und aufgeklärte Menschen“ dazu, dieser Begrenzung innerlich zuzustimmen und lassen zu, dass die „Fülle des Lebens“ wie das bei uns in unserem Christlichen Glauben heisst, ausgeblendet wird. Ich weiss, es tönt etwas philosophisch – ist es auch – aber es ist wert, darüber wirklich nachzudenken, weil es uns alle betrifft. Und jetzt haben wir Zeit!


Ich glaube an ein Leben nach dem biologischen Tod. Mir gefällt der Grundgedanke unseres Glaubens, dass wir das Leben und diese Zeit von Gott geschenkt bekommen, um in dieser Dimension des Seins das eigene Selbst zu entdecken, zu entfalten, unsere Talente (Fähigkeiten) kennen zu lernen und in das Leben einzubringen. Nicht primär um Erfolg, Macht, Ansehen und Geld zu verdienen, sondern um einmal vor dem Vater stehen zu können und zu wissen, was wir meinen, wenn wir ICH sagen.


Gott, den wir auch Vater nennen hat sich als der Seiende vorgestellt: JAHWE – ich bin der ich bin! Gott tritt in eine Beziehung mit dem Menschen und stellt sich vor: "Ich bin der Herr, Dein Gott!“ und erhebt damit den Menschen auch seine Augenhöhe, gibt dem Menschen einen Titel: DU!


Diese Vorstellung zwischen zwei Seienden setzt voraus, dass Gott weiss, was er meint, wenn Gott ICH sagt und erwartet, dass ich dann, wenn ich vor Gott stehe, weiss, wer ich bin! Das lerne und entdecke ich in dieser geschenkten Zeit, in meiner Lebenszeit: von einem Embryo, über Fötus, Kleinkind, Teenager, Jugendzeit, Erwachsensein und Alter (normalerweise) bis zu dem Zeitpunkt, wenn ich dieses Ich vor mir selbst und den Anderen mit Fug und Recht so nennen kann. Am Anfang sind andere Vorbilder dienlich, aber irgendwann muss ich aufhören, eine mehr oder weniger gelungene Kopie von jemanden zu sein und muss mir selber werden. Einmalig und einzigartig.


Das Leben ist für mich Menschwerdung (Selbstwerdung) von einer jeden, einem jeden. Dann bin ich bereit, vor meinem Gott zu stehen, der mich als eine komplette, freie und verantwortliche Persönlichkeit, ein Individuum konzipiert hat und auf den Moment wartet, bis ich so weit bin, dass wir miteinander auf Augenhöhe reden können. Das dicke Buch, wo alles steht, was ich gut oder falsch gemacht habe, ist für mich weniger einer Angstvorstellung (wie vorm Nikolausbesuch) sondern eher eine Ermutigung, so zu leben, dass mein Leben immer mehr MEIN Leben wird. Und das „jüngste Gericht“ stelle ich mir vor als ein wunderbares Gespräch mit Jemanden, der mich gewollt hat und mich liebt und das ganze Leben begleitet. In diesem Gespräch bekomme ich den „letzten Schliff“ (durch Einsicht, Erkenntnis und Gnade der unvorstellbaren Liebe) so dass ich alle menschlichen Beschränkungen ablegen und endlich wirklich mich selbst sein kann, wie Gott mich gedacht hat.

Ich finde diese Vorstellung schön, sie hilft mir, mich zu akzeptieren – auch mit meinen Unvollkommenheiten – aber auch mich zu bessern, damit ich noch mehr ICH werde und weniger eine Kopie von Jemanden. Und die alten Fehler nicht immer wiederhole.

Und dazu haben wir nicht nur das Evangelium Jesu, die Begegnung mit Jesus in der Eucharistie, Gebete und die Gemeinschaft der anderen, die ebenfalls auf dem Weg der Selbstwerdung sind, sondern auch die innere Stimme, die uns immer wieder hilft zu erkennen, was gut und richtig ist und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Wir nennen diese Stimme „Heiliger Geist“ oder die Stimme Gottes in uns oder einfach das Gewissen.

Ich wünsche Euch und Ihnen eine gute Ferienzeit, gute Erholung und hier und dort auch eine ruhige Stunde um auf die innere Stimme zu hören und zu schauen, wie weit ihr/Sie gekommen seid/sind auf dem Weg der Selbstwerdung. Wir haben viel Zeit geschenkt bekommen – das ganze Leben – aber sie ist endlich, das wissen wir alle. Vielleicht gelingt uns in dieser besonderen Zeit – der paradiesischen Ferienzeit – ein Blick in die andere Dimension des Seins und in die Unendlichkeit! Sie ist keine Vertröstung, sondern eine gute Richtschnur, ein innerer Kompass und einfach in uns „serienmässig“ eingebaut. Diese Dimension meldet sich hier und dort zum Wort, wenn wir die Zeit und Musse nehmen, darauf zu hören, vielleicht genau in diesen Ferien :-)


In diesem Sinne, geniesset es und kommt gesund, erholt und begeistert zurück :-)


Euer Pfarrer Josip

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